Die Anfänge: Karate kommt nach Deutschland

Als Hans-Dieter Rauscher Ende der 1950er-Jahre mit dem Karatetraining begann, war das noch echtes Neuland in Deutschland. Vorher hatte er sich bereits in Judo, Jiu-Jitsu und Boxen versucht – Karate lernte er dann in Frankreich sowie bei Nagaoka kennen, dem ersten inoffiziellen Judo-Bundestrainer Deutschlands, der auch im Karate versiert war.
Im August 1960 nahm er am ersten großen internationalen Karate-Sommerlehrgang in Bad Homburg teil – organisiert von Jürgen Seydel, der über die Fachzeitschrift „Judo“ dazu eingeladen hatte. Die Teilnehmer kamen fast ausschließlich aus dem Judo. Dieser Lehrgang gilt bis heute als der eigentliche Startpunkt der Karate-Verbreitung in Deutschland.
Ein Jahr später, am 27. Juli 1961, war es dann Rauscher selbst, der beim Abschlusstreffen des Sommerlagers den entscheidenden Vorschlag machte: die Gründung eines eigenen deutschen Fachverbands für Karate. Die Teilnehmer griffen die Idee sofort auf – so entstand der Deutsche Karate-Bund e.V. (DKB), mit Rauscher als einem von 21 Gründungsmitgliedern. Auch den Vorschlag, Jürgen Seydel als Leiter der Technischen Kommission zu wählen, brachte Rauscher ein.
Die großen japanischen Meister kommen nach Europa

1965 folgte der nächste Meilenstein: der legendäre Lehrgang in Bad Godesberg. Erstmals reiste eine ganze Delegation hochrangiger japanischer Karate-Großmeister nach Deutschland, um die DKB-Nationalmannschaft zu unterrichten – darunter Taiji Kase, Hirokazu Kanazawa, Keinosuke Enoeda und Hiroshi Shirai. Rauscher trainierte dort direkt unter Shirai und den anderen Meistern.

Ab Mitte der 1960er-Jahre kam Kanazawa als erster deutscher Karate-Bundestrainer regelmäßig nach Deutschland – Rauscher organisierte seine Lehrgänge und Tourneen und begleitete ihn dabei persönlich als Übersetzer und Demonstrationspartner. In dieser Zeit erlebte der DKB einen enormen Aufschwung; auch weitere japanische Shotokan-Meister wie Sugimura, Nagai oder Nakayama unterrichteten regelmäßig in Deutschland.

Die intensive Aufbauarbeit dieser Jahre zahlte sich aus: 1968 stand Rauscher mit der deutschen Nationalmannschaft bei den Deutschen Meisterschaften in München auf dem Siegerpodest.
Vertrauen von höchster Stelle: Training mit GSG 9
Wie ernst Rauschers Lehrgänge in Fachkreisen genommen wurden, zeigt eine bemerkenswerte Episode: Bereits Mitte der 1970er-Jahre absolvierten Elitekämpfer der GSG 9, der Anti-Terror-Einheit der Bonner Bundespolizei, ihr Fortbildungstraining in Karate, Arnis, Bo-Jutsu und Jiu-Jitsu bei den von Rauscher in Freiburg und im Dreisamtal organisierten Lehrgängen. Zehn Jahre später, beim großen 25-Jahre-Jubiläumslehrgang 1986 mit Weltmeister Emanuel Pinda, nahmen dieselben GSG-9-Kämpfer erneut teil – ein Vertrauensbeweis, der die Ernsthaftigkeit und Praxistauglichkeit von Rauschers Ausbildung eindrucksvoll unterstreicht.
Freiburg: Aufbau eines eigenen Weges
Parallel zu seiner Verbandsarbeit baute Rauscher – mit Unterstützung von Prof. Gerschler – das Karate-Dojo der Universität Freiburg auf und leitete es viele Jahre als Cheftrainer. Freiburg und Göttingen waren damit die ersten beiden Universitäts-Karate-Dojo Deutschlands. Innerhalb von zehn Jahren nach der Gründung erreichten über 130 seiner Studentinnen und Studenten eine Karate-Graduierung – auffällig viele von ihnen promovierten später oder habilitierten sich.
Rauscher blieb dabei nicht beim Karate stehen: Er brachte auch Kobudo, Iaido und Tai Chi nach Freiburg. Für seine Verdienste um den Freiburger Sport erhielt er vom damaligen Oberbürgermeister Eugen Keidel die goldene Sportmedaille der Stadt.
Aus dem Uni-Dojo entwickelte sich über die Jahrzehnte das heutige Asien-Sport-Center Samurai – am aktuellen Standort seit über zwei Jahrzehnten beheimatet.
Combat Arnis: eine neue Kampfkunst kommt nach Deutschland
Auf einer seiner vielen Studienreisen traf Rauscher im NATO-Hauptquartier SHAPE in Belgien auf einen Mann, der sein Kampfkunst-Repertoire um ein ganz neues Kapitel erweitern sollte: Großmeister Cui Brocka, der als Erster überhaupt in Europa die philippinische Stockkampfkunst Arnis unterrichtete.
Gemeinsam mit Christine Rauscher und mit Unterstützung von Cui Brocka führte Rauscher Ende der 1970er-Jahre das Arnis als neue Kampfsportart in Deutschland ein. Schon Anfang der 1980er-Jahre leiteten die drei zusammen zahlreiche Arnis-Seminare in vielen Bundesländern – zu einer Zeit, in der diese Kampfkunst hierzulande praktisch niemand kannte.
Aus dieser Zusammenarbeit entstand ein besonderes Werk: Cui Brocka und die Rauschers schrieben gemeinsam das erste Combat-Arnis-Lehrbuch überhaupt. Bewusst veröffentlichten sie es auf Englisch, damit sich Combat Arnis von Deutschland aus weltweit verbreiten konnte – das Buch fand sogar Aufnahme in die „Library of Congress“ der USA.
Diese Pionierarbeit trägt bis heute Früchte: Christian Kehl, langjähriger Meisterschüler und heutiger Trainer für Karate-Do, Combat Arnis und Bo-Jutsu am ASC, verfasste Jahrzehnte später ein umfassendes eigenes Combat-Arnis-Lehrbuch. Im Vorwort dazu schreiben Christine und Hans-Dieter Rauscher, mit sichtlichem Stolz auf die Fortführung ihrer Arbeit: „Wir freuen uns darüber, dass mit diesem Combat Arnis Lehrbuch von Christian Kehl ein weiterer Meilenstein für die Verbreitung von Arnis entstanden ist.“
International: Chairman der IMAF-Europa und Aufbau der DAKO

Seit den 1990er-Jahren leitet Rauscher als Chairman Europa die Geschicke der International Martial Arts Federation (IMAF), dem ältesten Budo-Weltdachverband, mit Sitz in Tokio – seit 1990 in ununterbrochener Folge wiedergewählt. Parallel dazu baute er in Deutschland die DAKO (Deutsch-Asiatische Kampfkunst Organisation) mit auf, die gemeinsam mit IMAF-Germany unter dem Motto „The Original Way of Budo“ auftritt. Innerhalb der DAKO war es maßgeblich Rauscher, der das klassische Bo-Jutsu (den Langstock) systematisch aufgebaut hat – ebenso wie das Combat Arnis, das er zu einer der tragenden Säulen des DAKO-Ausbildungsprogramms machte.
Unter der gemeinsamen Leitung von DAKO und IMAF finden seit rund 40 Jahren die halbjährlichen Bundeszentrallehrgänge statt, zu denen Meister verschiedenster Kampfkünste aus ganz Europa zusammenkommen. Die beiden großen jährlichen Flaggschiff-Veranstaltungen tragen bis heute seine Handschrift: das Internationale Samurai Camp und das Internationale Jahresabschluss-Tokugawa-Taikai. Als Hauptreferenten stehen Hans-Dieter und Christine Rauscher bis heute an der Spitze des Lehrteams – gemeinsam mit einem großen Kreis langjähriger Co- und Gastreferenten aus dem gesamten DAKO/IMAF-Netzwerk, darunter auch sein Freiburger Meisterschüler Christian Kehl.
Als Sportler war er lange Kapitän der ersten deutschen Karate-Nationalmannschaft und errang mehrere Siege bei internationalen Turnieren. Im Bereich Iaido gewann er zweimal den Weltmeistertitel seiner Klasse bei den Budo-Weltmeisterschaften der Kokusai-Budoin in Tokio – Yasuhisa Tokugawa, Präsident der Kokusai-Budoin und Nachfahre der Tokugawa-Shogun-Familie, würdigte ihn dabei persönlich als „deutschen Budopionier“. Als erster Deutscher und zweiter Europäer erreichte er zudem den 6. Dan Iaido bei der Kokusai-Budoin.
2003 wurde Rauscher für sein Wirken bei der Verbreitung und dem Erhalt der Kampfkünste mit der Auszeichnung Budo Koseki Sho geehrt – eine Ehrung, die bis dahin kein anderer Europäer erhalten hatte.
Die Philosophie dahinter
Bei einem Interview anlässlich eines Jahresabschlusslehrgangs beschrieb Rauscher, was Budo für ihn persönlich bedeutet: Budo sei „ein Weg“ – im wörtlichen Sinne des Begriffs. Es gehe zuerst um geistige Entwicklung, „erst an 2. Stelle sehe ich die körperliche Seite – die Selbstverteidigungsseite“. Als frühe Inspiration nennt er Eugen Herrigels „Zen in der Kunst des Bogenschießens“.
Auch die große fachliche Bandbreite der Lehrgänge ist für ihn kein Zufall, sondern Konzept: Wer nur eine einzige Kampfkunst kennt, hält sie schnell für „zu absolut“ und versteht nicht, wie sie sich im größeren Spektrum der Kampfkünste einordnet. Erst der Vergleich vieler Disziplinen und die Begegnung mit vielen verschiedenen Kampfkünstlern schaffen nach seiner Überzeugung echtes Verständnis.
Zusammengestellt aus dem historischen Homepage- und Presse-Archiv von ASC Freiburg und IMAF-Germany sowie mündlich überlieferten Erinnerungen.