Jeder Mensch sollte die Grundlagen der Ersten Hilfe beherrschen, und ebenso sollte jeder Zugang zu den Grundlagen der Selbstverteidigung haben.
Die sozialen Medien vermitteln uns täglich, die Welt werde immer rauer. Wir glauben: Wer sich mit Selbstverteidigung auseinandersetzt, begegnet dieser Entwicklung nicht mit Angst, sondern mit Klarheit. Wer regelmäßig eine Budo-Disziplin übt, lernt Aggression kennen, die eigene wie die fremde. Er lernt, seine Kräfte richtig einzuschätzen und verantwortungsvoll mit ihnen umzugehen.
Selbstverteidigung wird oft als Straßenkampf missverstanden. Das ist sie nicht. Die folgenden wahren Geschichten aus dem Kreis unserer Schülerinnen und Schüler zeigen, wie vielfältig sie im Alltag aussieht. Alle Beteiligten bleiben anonym.
Das Gefahrenradar
Die wichtigste Fähigkeit in der Selbstverteidigung ist keine Technik, sondern Wahrnehmung. Wir nennen sie unser Gefahrenradar.
Wer mitbekommt, was um ihn herum geschieht, erkennt Gefahren, bevor sie entstehen: den Radfahrer, der gleich ausschert, die Person, die im Schatten wartet. Heute gehen viele Menschen mit dem Blick aufs Handy durch die Welt und bemerken einen Angriff erst, wenn er sie trifft. Im Budo nennen wir diese wache, ungeteilte Aufmerksamkeit Zanshin.
Eine nächtliche Begegnung. Ich selbst ging einmal nachts über die Bahnsteige der Stadtbahnbrücke nach Hause, wie so oft. Mit Abstand zu allem, hinter dem sich jemand verbergen kann, habe ich mehr Reaktionszeit. Tatsächlich trat ein Mann hinter dem Fahrplan hervor, fixierte mich und kam auf mich zu. Ich nahm die Hände aus den Taschen und hielt seinen Blick. Er sagte nur: „Okay, alles gut, lass mal sein.“ Und ließ mich gehen.
Kein Wort von mir, kein Schlag. Er hatte gemerkt, dass ich ihn bemerkt hatte, und damit war sein Überraschungsmoment verloren. Täter suchen sich Unaufmerksame aus, keine wachen Menschen.
Mut und Zivilcourage
Helfen muss nicht heißen, sich selbst in Gefahr zu bringen. Oft genügt es, nicht wegzuschauen.
Die Einzige, die einschritt. Eine unserer Schülerinnen erlebte in einem öffentlichen Verkehrsmittel, wie ein Mann eine junge Frau angriff. Niemand reagierte, nur sie. Sie schritt ein, und der Angreifer ließ sich tatsächlich vertreiben. Sie erzählte uns später, wie glücklich sie war, helfen zu können.
Ein Pfiff und ein Handy. Ein Schüler beobachtete zu Fuß, wie ein Autofahrer einen anderen Mann anschrie und auf ihn losrannte: „Ich hau dir aufs Maul!“ Unser Schüler pfiff laut durch die Finger, hielt sein Handy hoch und rief: „Ich hab’s aufgenommen, ich bin Zeuge!“ Der Angreifer brach sofort ab, stieg ins Auto und verschwand. Die Pointe: Die Kamera lief gar nicht, alles ging zu schnell. Entscheidend war die Entschlossenheit, nicht die Technik. Täter wollen keine Zuschauer und keine Konsequenzen. Aufnahmen zur Beweissicherung sind in so einer Lage in Ordnung, veröffentlichen sollte man sie aber nicht.
Stopp, das reicht. Ein Meisterschüler erlebte in der Straßenbahn, wie ein Mann andere Fahrgäste beleidigte und anspuckte. Er sagte „Stopp, das reicht“ und wurde prompt selbst zum Ziel. Statt zurückzuschlagen, brachte er den Angreifer unter Kontrolle und begleitete ihn an der nächsten Haltestelle hinaus.
In solchen Situationen gilt immer: Fahrer und Polizei (110) verständigen, andere Fahrgäste direkt ansprechen und um Unterstützung bitten.
Können und Beherrschung
Wer jahrelang trainiert, reagiert im Ernstfall reflexartig, und behält trotzdem die Kontrolle. Beides zusammen macht den Unterschied.
Abtauchen statt zurückschlagen. Auf einem Fest im Dreisamtal hielten zwei Männer einen jungen Mann an einem Koppelzaun fest, ein dritter schlug auf ihn ein. Einer unserer Schüler tippte dem Schläger auf die Schulter. Der fuhr herum und schlug zu, doch unser Schüler tauchte kurz ab, und die Faust ging ins Leere. Dann stand er ihm ruhig gegenüber, Auge in Auge. Der Angreifer war so verblüfft, dass er aufhörte. Die Situation war sofort vorbei, ohne einen einzigen Treffer. (Frech, zugegeben, und nur mit Training beherrschbar. Zur Nachahmung empfehlen wir das nicht.)
Unerwartet getroffen. In einem Café holte ein Mann aus, um seinen Nachbarn zu schlagen, verfehlte ihn und traf stattdessen einen unserer Schüler, der vom Hocker stürzte. Unser Schüler stand auf, hielt den Mann fest und stellte ihn zur Rede, schlug aber nicht zurück. Am Ende stand eine kleinlaute Entschuldigung. Die eigentliche Leistung: im Schreck die Kontrolle zu behalten.
Schneller als die Schrecksekunde. Eine Schülerin, Pflegekraft in einer Klinik, erlebte, wie ein stark alkoholisierter Mann, den die Polizei zur Untersuchung brachte, ihre Kollegin niederschlug. Während alle anderen noch in der Schrecksekunde verharrten, hatte sie den Angreifer bereits zu Boden gebracht und fixiert, bis die Beamten übernahmen. Die Schrecksekunde trifft jeden, auch Profis. Training verkürzt sie.
Am Baggersee. In jungen Jahren saß ich mit Freunden beim Grillen am Baggersee, als sich eine fremde Gruppe zu uns setzte. Ohne Vorwarnung wurde ein Freund niedergeschlagen. Ein Kumpel, Ringer, brachte zwei Angreifer zu Boden, ich wehrte einen ab und nahm mit zwei Stöcken eine Abwehrhaltung ein. Das genügte, die Gruppe zog ab. Später kamen einige zurück und entschuldigten sich, eine Geste, die mich bis heute beeindruckt. Wer Combat Arnis oder Bo-Jutsu übt, weiß: Ein einfacher Stock und die richtige Haltung können einen Kampf beenden, bevor er beginnt.
Selbstschutz im Alltag
Selbstverteidigung schützt nicht nur vor Menschen, sondern auch vor den Tücken des Alltags. Die Technik aus dem Dojo, die die meisten irgendwann wirklich brauchen, ist die Fallschule.
Der Flug über die Schienen. Ein Schüler fuhr mit dem Rad eine lange Gefällstrecke hinab, bekam eine rote Ampel und entschied spontan, links abzukürzen. Die Entscheidung war nicht die klügste, die Landung dafür umso besser. In der Kurve rutschte sein Vorderrad in die Straßenbahnschienen, und er flog wie aus einem Katapult über den Lenker. Er landete auf der Schulter, rollte ab und stand direkt wieder auf den Füßen. Rad und Tasche geschnappt, Straße verlassen, nahezu unverletzt. Sein Fazit: Ohne die Fallschule wäre das nie möglich gewesen.
Stürze passieren auf Glatteis, auf Treppen, im Straßenverkehr. Wer gelernt hat abzurollen, schützt Kopf, Handgelenke und Wirbelsäule, in jedem Alter.
Der klügere Weg
Nicht jede Geschichte, die gut ausgeht, ist ein Vorbild. Wer einen Konflikt vermeiden kann, hat ihn bereits gewonnen.
Hupen in der Zone 30. Ein Schüler fuhr vorschriftsmäßig Tempo 30, als ihn ein Fahrer hinter ihm mit Hupe und Lichthupe bedrängte. Unser Schüler hielt an und stieg aus, der andere stand bereits gestikulierend auf der Straße. Am Ende lenkte der Drängler ein, doch das war Glück. Der klügere Weg wäre gewesen, gar nicht erst auszusteigen, weiterzufahren und sich notfalls das Kennzeichen zu merken. Wer einem Aggressor keinen Ausweg lässt, zwingt ihn eher zum Kampf.
Wenn der Angriff leise ist. Selbstverteidigung bedeutet auch, sich gegen dauerhafte Herabwürdigung zu wehren, etwa gegen Mobbing am Arbeitsplatz. Die richtigen Mittel sind hier Selbstbewusstsein, klare Grenzen, Dokumentation und das Einschalten von Vorgesetzten oder Betriebsrat, nicht die Faust. Das Training stärkt genau die innere Haltung, die man dafür braucht.
Der rechtliche Rahmen in Kürze
Notwehr und Nothilfe sind in Deutschland in § 32 StGB geregelt. Erlaubt ist die Verteidigung, die erforderlich ist, um einen gegenwärtigen, rechtswidrigen Angriff von sich oder anderen abzuwenden.
- Gegenwärtig: Der Angriff findet gerade statt oder steht unmittelbar bevor. Was vorbei ist, rechtfertigt keine Vergeltung.
- Erforderlich: Gewählt wird das mildeste Mittel, das den Angriff sicher beendet.
- Nothilfe: Das Notwehrrecht gilt auch, wenn man anderen hilft.
Dieser Abschnitt ersetzt keine Rechtsberatung. Er zeigt aber: Gute Selbstverteidigung und Recht stehen auf derselben Seite, weil beide auf Deeskalation und Verhältnismäßigkeit setzen.
Budo als Lebensweg
Selbstverteidigung beginnt nicht mit der Faust und endet nicht mit dem Angriff.
Die Ruhe, die wir im Training üben, hilft auch, wenn auf der Landstraße plötzlich die Bremse versagt oder ein überholender Lastwagen entgegenkommt. Im Budo heißt dieser unerschütterliche Geist Fudōshin. Der Mut, der uns im Ernstfall einschreiten lässt, hilft ebenso, schwierige Aufgaben konsequent anzupacken, statt sie aufzuschieben. Und die Aufmerksamkeit, mit der wir unsere Umgebung wahrnehmen, dürfen wir auch auf uns selbst richten: auf unsere Gesundheit und unser Wachsen.
Budo ist ein Weg, der nie zu Ende ist. Wer übt, fordert sich immer wieder neu heraus und wird dabei stärker, ruhiger und aufmerksamer.
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